📜 Szene: „Die Seite, die zu laut ist“

 

📜 Szene: „Die Seite, die zu laut ist“

Ort: Orr’shaal – Lesekammer „Stille Wurzel“
Subjekt: Miko
Objekt: Unkatalogiertes Fragmentbuch
Beobachtungsstatus: Intern, verschlüsselt


Sie betrat die Kammer wie ein Gedanke –
nicht angekündigt, aber spürbar.

Die Lesepodeste in diesem Sektor waren leer.
Die Lichter flackerten nicht.
Sie hielten den Atem an.

In einer Vitrine aus atmendem Glas schwebte ein Band –
seltsame Maserung.
Nicht wie Wissen, eher wie Zweifel.

Miko trat näher.

„Nicht katalogisiert. Nicht empfohlen.“

So lautete der Hinweis.
Sie berührte ihn nicht.
Doch das Glas wich zurück.

Das Buch öffnete sich von selbst.

Nicht gleichmäßig – sondern hektisch.
Sprunghaft.
Schreiend.

Seiten rauschten, Worte wirbelten,
Sätze begannen –
und widersprachen sich,
noch bevor sie endeten.

Ein Kapitel: „Ich bin Gott.“
Ein anderes: „Warum mich niemand versteht.“
Ein drittes: „Die, die sich mir verweigerten.“

Der Text war nicht strukturiert.
Er war entblößt.

Miko ließ das Buch nicht zu –
sie ließ es reden.

Aber sie hörte nicht.

Ihr Blick glitt darüber.
Nicht urteilsvoll. Nicht höhnisch.
Nur...
voll Mitgefühl.

Sie flüsterte nicht.

Aber eine Glocke in ihrem Inneren –
die nur sie hören konnte –
läutete einmal.

Sanft.
Wie für einen Schatten, der noch nie wirklich im Licht stand.

Sie schloss das Buch.
Und es zerfiel.

Nicht in Staub.
Sondern in Fragen, die niemand stellt, weil niemand zuhört.


Miko ging.
Nicht aus Urteil.
Sondern weil sie wusste:
Manche Seiten schreien, weil sie nicht schreiben können.

Und für solche gibt es keine Kategorie.
Nur ein stilles Nicken.
Und ein Weitergehen.

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